Das IT-Finanzsystem von morgen: Von reiner Bank-IT zur vernetzten Geschäftsarchitektur

Banken unterliegen einer ständigen Transformation. Es geht längst nicht mehr darum, einen idealen Zielzustand zu erreichen, vielmehr steht die Fähigkeit im Vordergrund, sich schnell und flexibel an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. IT-Finanzsysteme haben sich dabei rasant von monolithischen Kernanwendungen zu modularen, interoperablen Plattformen entwickelt. Für die Gestaltung der IT von morgen stehen für Banken dabei vier Treiber im Vordergrund: Kundenverhalten, Technologie, Regulierung sowie die Vernetzung als Teil von Business Ecosystemen. Wer sich künftig breit und zukunftssicher aufstellen möchte, entkoppelt bereits heute technische Komponenten entlang strategischer Geschäftsbereiche durch gezielte Modularisierung. Zudem sollte das Ziel sein, Daten in Echtzeit nutzbar zu machen und flexibel bereitstellen zu können.

Kurz gesagt: Der „Core“ bleibt zwar kritisch, tritt jedoch als unsichtbarer Motor in den Hintergrund, während die Integrationstiefe der Services und die flexible Bereitstellung von Daten das Fahrwerk bilden, das über die Wendigkeit entscheidet.

Die vorgestellten Thesen basieren auf einer qualitativen Auswertung anonymisierter Interview Ergebnisse (Schweiz/Deutschland) und Studienanalyse des CC Ecosystems zu strategischen, prozessualen und systemtechnischen Anforderungen an künftige IT-Finanzsysteme.

Treiber der Entwicklung

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre zeigen das IT-Finanzsysteme als Kombination von Core und Umsystemen immer mehr Teil von plattformbasierten Geschäftsarchitekturen werden, deren Wirkung sich entlang Strategie, Prozessen und Systemebene entfaltet. Wettbewerbsfähigkeit entsteht aus der Fähigkeit, fachliche Anforderungen (z. B. schnelle Produkteinführung, flexible Bündelung) mit technischer Modularität und Netzwerkfähigkeit zu verbinden.

Ecosysteme & Open Banking.

Künftig reichen Finanzservices bis tief in Alltags- und Unternehmenskontexte, von Home bis Freizeit und Entertainment. Voraussetzung ist eine konsequente Umsetzung von Open Banking und die Fähigkeit, regionale Ecosysteme zu erschliessen. Digitale Identität (E-ID, Wallet) wird zum Standardbaustein der Vernetzung. Innovationsräume entstehen u. a. durch digitale Assets und programmierbares Geld, das mit Bedingungen verknüpft ist und dadurch Prozesse automatisch auslöst, sobald definierte Kriterien erfüllt sind. Embedded Finance wird dabei als Konzept den Weg in neue Geschäftsmodelle finden. Mit Blick auf die nächsten 10 Jahre könnten die Innovationen im Quanten Computing schon spürbar werden. Erste mögliche Auswirkungen könnten hierbei die Security Architekturen beeinflussen. Gleichzeitig bleibt die Finanzinfrastruktur (Interbanken, Börse, Zentralbank) in ihrer Rolle relativ stabil. Echte Disruptionen wie vollständig DLT-basierter Aktienhandel oder einen digitalen Franken werden kurzfristig nicht erwartet.

Was Kunden morgen erwarten

Banking von überall: Vor allem Retail- und Firmenkunden entscheiden situativ und kanalübergreifend, welche Services sie nutzen. Loyalität sinkt bei Basisthemen (Konto, Karte), Ereignisse triggern Echtzeit-Interaktionen. Das verlangt Datenverarbeitung t+0, Transparenz und Vergleichbarkeit von Leistungen. Im Privatbanking bleibt der persönliche Kontakt weiterhin wichtig. Veränderungen werden hier eher generationengetrieben eintreten.  Systeme sollen Bedarfe erkennen, personalisieren und kontextuelle Services proaktiv ausspielen. KI unterstützt, bleibt aber hybrid. Eine menschliche Beratung zählt weiterhin, besonders bei komplexen Entscheidungen (z. B. Finanzplanung). Die Mehrheit bewertet Servicierung als Paradigmenwechsel: gebündelte, personalisierte Angebote über die eigene Plattform hinaus. Embedded Banking erhält als Konzept in der Integration einen sehr hohen Stellenwert. Beispiele reichen von Wallet-basierten Ident-Services über automatisierte Finanzplanung bis hin zu DLT-gestützten Assets mit digitaler Custody (z. B. für Private Keys). Der Trend geht klar zu standardisierten Modulen mit hoher Parametrisierbarkeit. Individualisierung gehört vor allem nah ans Frontend (Kanäle/Touchpoints) und in Prozesse/Regelwerke, weniger tief ins standardisierbare Backend. So bleibt Automatisierung durchgängig möglich und die Time-to-Market für Produktinnovation hoch.

Modulare und interoperable Systemarchitektur als Core light

Eine modulare und interoperable Architektur wird zunehmend zur Voraussetzung für moderne Bankensysteme. Zwar verliert der Core dabei weder an Bedeutung noch an seiner zentralen regulatorischen Rolle, jedoch schrumpft sein Umfang sichtbar: Er entwickelt sich zu einer fokussierten Booking Engine, die klar abgegrenzte Verantwortlichkeiten trägt, während die eigentliche Differenzierung vor allem durch Services, Integrationsschichten und den Umgang mit Daten entsteht. In diesem Zusammenhang gewinnt die Trennung von General Ledger und Sub-Ledgern an Bedeutung. Das General Ledger bildet das zentrale Hauptbuch einer Bank und enthält alle buchhalterisch und regulatorisch relevanten Einträge. Sub-Ledger hingegen sind nachgelagerte Neben- oder Detailbücher, die spezifische Geschäftsbereiche oder Produkte abbilden und deren Daten bei Bedarf in das Hauptbuch zurückfliessen. Ein zentrales Buchungssystem sollte alle regulatorisch notwendigen Buchungen zuverlässig abdecken, die Zerlegung in eine Vielzahl separater Sub-Ledger wird daher überwiegend kritisch gesehen.

Auch die Datenhaltung wird künftig hybrider ausfallen. Während kritische Masterdaten (Transaktionen, Positionen, Kundendaten) weiterhin zentral verwaltet werden, erfolgt die Orchestrierung von Service- und Kontextdaten immer häufiger dezentral, besonders dort, wo Daten unmittelbar an physischen Objekten wie Fahrzeugen oder Immobilien entstehen. Diese Dezentralität erhöht die Anforderungen an Orchestrierung, Integration und Sicherheit und macht neue Architekturmuster erforderlich.

Cloud-First als Konzept in einem regulierten Umfeld gewinnt weiter an Bedeutung. Der Weg führt in hybride Cloud- und SaaS-Modelle, getrieben von Skalierung und Flexibilität, mit Geschwindigkeit je Geschäftsmodell (Retail & Embedded schneller, Private Banking konservativer). Kernfrage für Banken: welche Betriebs- und Cloud-Kompetenzen sie selbst halten wollen und wie Third-Party-Integration sicher Cloud-konform gelingt.

Systemgrenzen werden wichtiger, sind aber unsichtbar für den Kunden. Zwischen Bank und Partnerplattformen braucht es eindeutige Governance und Ownership von Daten und Funktionen. Für Kundinnen bleibt die Journey nahtlos, Systemgrenzen dürfen nicht spürbar sein.

Vom Rohstoff Daten bis zur Entscheidungsmaschine KI

Datengetriebenen Geschäftsmodellen und KI wird eine sehr hohe Bedeutung beigemessen, End-to-End über Unternehmensgrenzen hinweg. Praxisbeispiele reichen von KI-gestütztem Risikomanagement und Compliance, Instant-Payment-Analytik, Corporate-Actions-Automatisierung Systemen (Auswertung unstrukturierter Daten) über Vertriebsunterstützung mit Chatbots bis zu Portfolio-Entscheidungsassistenz. Mit Augenmass wird es auch automatisierte Entscheidungsfindungen geben. Operativ sicherlich mehr Automation durch KI-Agenten, aber strategisch bleiben Mensch und Haftung im Lead. Heisst: KI im Hintergrund trifft Standardentscheidungen, Ausnahmen und Grundsatzfragen bleiben vorerst menschengeführt.

E-ID, digitale Signaturen und Wallets (SSI) sind Schlüsselbausteine für Öffnung, Customer-Journey-Nähe und sichere Datennutzung. Chancen ergeben Zusatzservices, gezielte Ansprache an Kunden, stärkere Bindung. Herausforderungen bleiben in der Security, Datenschutz sowie die Herstellung der Transparenz und operative Komplexität in verteilten Datenlandschaften.

Regulierung als Hygienefaktor mit Differenzierung im Detail

Regulatorische Konformität ist nicht verhandelbar, sie muss vollständig und möglichst automatisiert (nahezu mit Echtzeit-Updates) erfüllt werden, unterstützt durch KI. Nutzerspezifische Ergänzungen (z. B. MiFID-Services, Kapitalertragsteuer, Geldwäscherei-Compliance) können zur Differenzierung beitragen, aber „Cost/Benefit-Abdeckung“ ohne Vollerfüllung wird abgelehnt. Dazu wird ein enger Austausch mit den Aufsichtsbehörden erwartet.

So gelingt Banken der Übergang

DevOps-Kultur wird zum Standard, um Time-to-Market und Agilität zu sichern mit dokumentationsgerechter Arbeitsteilung in grossen Banken.

Top-Projekte sehen die Banken aktuell in KI-Nutzung (Coding, Compliance, Advisory, Operations), Cloud-Etablierung, Integration & Datenmanagement (inkl. digitale Assets/DLT) sowie Ecosystem-Integration und kundenzentrierte Digitalisierung (Onboarding, Self-Services, Personalisierung, Simulation).

Leitplanken für Entscheiderinnen

  • Service vor Produkt. Leistungen als modulare Services, die sich bündeln, einbetten und personalisieren lassen, auch jenseits der eigenen Plattform.
  • Daten sind das Betriebssystem. Ohne Echtzeit-Daten keine Proaktivität sowie Etablierung einer Event-/Consent-basierte Datenbasis über Partner hinweg.
  • Core bleibt der Teil im Maschinenraum. Modernisierung zu robusten, regulatorisch sauberer Buchungsführung, macht den Rest leichtgewichtig. Mit API-basierten Services und austauschbar.
  • Security & Trust by Design. E-ID, Signaturen, Wallets werden Standard; Transparenz in Datennutzung ist Wettbewerbsvorteil, nicht nur Pflicht.
  • Organisation folgt Architektur. DevOps und Plattform-Teams befähigen schnelle Iteration und Governance sorgt für Konformität und Nachvollziehbarkeit.

Fazit

Das IT-Finanzsystem von morgen ist modular, offen und vernetzt. Es ermöglicht kundenzentrierte Service Bündel und Embedded Finance im Ecosystem, nutzt Daten & KI übergreifend und stellt Konformität automatisiert sicher. Der Core bleibt als kritischer Infrastruktur-Baustein bestehen, jedoch schlanker und unsichtbarer. Wer heute Service-first denkt, Echtzeit-Daten orchestriert und DevOps-Betrieb verankert, schafft die Basis für skalierbare Geschäftsmodelle in einer vernetzten Finanzwelt von morgen.

Roger Heines