Ein aktueller Blick auf Open Finance in der Schweiz
Dies ist einer von zwei Blogbeiträgen, in welchem wir einen Blick auf den aktuellen Stand von Open Finance werfen. Stefan Knaus wird in diesem Beitrag in der Schweiz starten und ein kurzes Update aus einer Umfrage des OpenBankingProject.ch zu Reifegrad, Relevanz und Erfolgsfaktoren von Open Finance in der Schweiz geben. Friedrich Wazinski wird im nächsten Blogbeitrag einen Blick auf die internationalen Aktivitäten von Open Finance werfen und dabei Learnings für die Schweiz ableiten.
Im internationalen Vergleich befindet sich die Schweiz bei der Umsetzung von Open Finance noch in einer frühen Phase. Während in Märkten wie Grossbritannien, der EU oder Brasilien regulatorische Rahmenwerke und koordinierte Initiativen den Fortschritt fördern, setzt die Schweiz bislang auf einen freiwilligen, marktorientierten Ansatz.
Gleichzeitig steigt der Druck von aussen. Neue Regulierungen wie PSD3, PSR und FIDA, die wachsende Bedeutung innovativer Zahlungsdienstleister sowie die zunehmende Verbreitung von Embedded-Finance-Modellen stellen Schweizer Finanzinstitute vor zusätzliche Herausforderungen. Ohne koordinierte Massnahmen drohen eine Fragmentierung des Marktes und ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Umfeld.
Dennoch eröffnet Open Finance auch erhebliche Chancen. Finanzinstitute haben die Möglichkeit, ihre Kundenschnittstellen zu sichern, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln und die Kundenbindung durch innovative Services zu stärken. Voraussetzung dafür ist jedoch die gezielte Weiterentwicklung der technologischen, organisatorischen und regulatorischen Grundlagen.

In der Schweiz setzen sich verschiedenen Organisationen und Branchenverbände für die Umsetzung von Open Finance ein. Dazu zählen unter anderem das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF), Swiss Banking Association (SBA), Swiss FinTech Innovations (SFTI), Open Wealth Association und OpenBankingProject.ch.
Das OpenBankingProject.ch setzt sich mit 5 Partnern (Ergon Informatik, Finnova, Finstar, Universität St. Gallen sowie dem Business Engineering Institute St. Gallen) und 16 Membern für die Umsetzung von Open Finance in der Schweiz ein. Ein Kernstück der Initiative bildet die Bereitstellung von breit akzeptierten und interoperablen Bausteinen (z.B. APIs) für die Umsetzung von Open Finance in der Schweiz. Seit geraumer Zeit fokussiert die Initiative auf das Thema digitale Kundennähe, also die Vernetzung der Bank in sämtliche Lebensbereiche des Kunden. Der Kunde kann in diesem Zusammenhang Produkte, Services und auch Daten seiner Bank nutzen und diese über APIs oder auch Wallet-Technologien barrierefrei in Customer Journeys von anderen Unternehmen beziehen.
Aktuell verfasst das OpenBankingProject.ch gemeinsam mit PPI Schweiz ein White Paper zu Open Finance in der Schweiz, das Ende Oktober 2025 erscheinen soll. Dabei sollen unter anderem nachfolgende Fragestellungen analysiert werden:
- Wie sieht der aktuelle Stand der Umsetzung von Open Finance in der Schweiz aus?
- Wie wird Open Finance weltweit umgesetzt und was sind die Erfolgsfaktoren?
- Welche Relevanz hat Open Finance für die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes?
- Welche Potenziale und Risiken ergeben sich aus Open Finance für Schweizer Finanzinstitute?
- Was sind Voraussetzungen für Fortschritt und Skalierung von Open Finance in der Schweiz?
Zur Untermauerung der Erkenntnisse aus dem Studium verschiedener Publikationen und wissenschaftlichen Quellen zum Thema Open Finance wurde in den vergangenen Wochen eine Umfrage im Netzwerk des OpenBankingProject.ch durchgeführt. Dabei haben 59 Personen aus der Finanzbranche und darüber hinaus geantwortet. Unter anderem sind 23 Befragte bei Banken und weiteren Finanzinstituten tätig. Die restlichen Teilnehmenden teilen sich in die Zielgruppen Technologieprovider, Beratungsunternehmen, FinTech, RegTech, InsurTech und Sonstiges auf.
Als erstes wurde der Reifegrad von Open Finance abgefragt. Die 59 Teilnehmenden beurteilten den Reifegrad von Open Finance in der Schweiz mit einem Mittelwert von 2.51 als gering bis mittel.

Dies spiegelt aus meiner Sicht gut den aktuellen Stand von Open Finance in der Schweiz wider. Rund ein Drittel der Schweizer Banken haben über die Anbindung an die Open Banking Plattform bLink von SIX erste Erfahrungen mit Open Banking Use Cases gemacht. Aktuell fokussieren die meisten Banken den Use Case «Multi Banking für Firmenkunden», bis Ende Jahr soll darüber hinaus auch der Use Case «Multi Banking für Privatkunden» live gehen. Einige Banken, darunter beispielsweise die Hypothekarbank Lenzburg, gehen einen Schritt weiter und sind aktiv auf der Suche, ihr bestehendes Geschäftsmodell durch kollaborative Partnerschaften zu erweitern. So wurde jüngst eine Kooperation mit dem Schweizer Finanzblogger „Finanz Fabio“ und dessen geplanter Budget App „BlueBudget“ eingegangen. Die Kundinnen und Kunden der Hypothekarbank Lenzburg können so zukünftig ihre Konten in dieser App verwalten. BlueBudget möchte dem Endkunden in diesem Sinne eine neutrale Multi Banking Applikation bieten, welche Tipps und Tricks rund um die bankfachlichen Bereiche Zahlen und Sparen verraten soll.[1]
Aus Gesprächen mit verschiedenen weiteren Banken ist zu vernehmen, dass mittlerweile auch Kunden der Banken aktiv nach Open Banking Use Cases fragen. So zählen insbesondere externe Vermögensverwalter (Open Wealth) und KMUs (Multi Banking) zu den Kundengruppen, welche das entsprechende Bewusstsein und die Akzeptanz für Open Banking Use Cases aufgebaut haben. In diesen beiden bankfachlichen Bereichen (Payments, Wealth) liegt entsprechend auch eine gewisse API-Standardisierung vor und im Markt (z.B. SIX bLink) und auf Seiten der Banken werden die technischen Grundlagen forciert, um Open Finance betreiben zu können. Wir sind allerdings noch weit davon entfernt, dass innovative FinTechs eine API-Konnektivität zu sämtlichen Schweizer Banken aufbauen können und ihren Endkunden, «à la PSD2», eine barrierefreie Nutzung ihrer Kontoinformationen und das Auslösen von Zahlungen ermöglichen können.
Wie wird der aktuelle Reifegrad in der Schweiz nun im Vergleich zum Ausland eingeschätzt? Auch hier zeigt sich über sämtliche Zielgruppen (Banken, FinTechs, Technologieprovider, Beratungsunternehmen und Sonstiges), dass Open Finance in der Schweiz aktuell noch deutlich zurück liegt. Mit einem Mittelwert von 2.14 beurteilten die Teilnehmenden, das der Schweizer Reifegrad von Open Finance im Vergleich zum Ausland insgesamt tief ist. Insbesondere die Zielgruppen «Banken» und «FinTechs» haben diese Frage tief beantwortet.

Doch ist die aktuelle Situation ein Problem? Brauchen wir überhaupt Open Finance für einen wettbewerbsfähigen Schweizer Finanzplatz? Die kurze Antwort ist ja. Mit einem Durschnittswert von 3.76 beurteilten alle Zielgruppen, dass Open Finance eine mittlere bis hohe Relevanz für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Finanzplatzes hat.

Wie können wir nun gemeinsam Open Finance in der Schweiz vorwärtstreiben? Braucht es punktuelle Eingriffe seitens des Regulators oder können sich die Marktteilnehmenden so alignieren, dass in den nächsten Jahren gemeinsam signifikante Fortschritte erzielt werden? Diese und weitere Fragen werden aktuell mit verschiedenen Experten diskutiert, um daraus unter anderem Handlungsempfehlungen für Fortschritt und Skalierung von Open Finance in der Schweiz zu identifizieren. Das White Paper soll Ende Oktober 2025 publiziert werden und am 13. Mitgliederanlass des OpenBankingProject.ch vom 12. November 2025 bei Ergon in Zürich vorgestellt werden.
[1] «BlueBudget» kooperiert mit Hypothekarbank Lenzburg AG
