Open Finance im internationalen Vergleich – Erkenntnisse für die Schweiz 

Im ersten Teil dieser Blogserie hat Stefan Knaus den aktuellen Stand von Open Finance in der Schweiz beleuchtet. In diesem Blogbeitrag richten wir den Blick über die Schweizer Landesgrenzen hinaus und stellen uns die Frage: Wie weit sind andere Länder in der Umsetzung von Open Finance? Welche Lessons Learned lassen sich aus internationalen Initiativen ableiten? Und vor allem, welche Handlungsempfehlungen ergeben sich für den Schweizer Finanzplatz, um international nicht den Anschluss zu verlieren? 

Warum ein internationaler Vergleich sinnvoll ist 

Open Finance ist kein isoliertes Schweizer Thema und endet nicht an nationalen Grenzen. Vielmehr entstehen weltweit Standards, Plattformen und Regulierungsmodelle, die definieren, wie Finanzdaten künftig geteilt, genutzt und monetarisiert werden. Bis Ende 2023 hatten laut einer Erhebung von Konsentus mehr als 65 Länder, rund ein Drittel aller Staaten weltweit, nationale Open-Banking-Initiativen oder weiterführende Projekte im Bereich Open Finance und Open Data entweder bereits umgesetzt oder befanden sich in einer aktiven Entwicklungsphase, wie die Abbildung 1 zeigt ​[1,2]​. Die Öffnung von Finanzdaten ist somit längst kein regionales Experiment mehr, sondern ein globaler Trend, der die Finanzbranche nachhaltig prägt. Für die Schweiz bedeutet dies, dass sich aus der internationalen Dynamik wertvolle Lehren und Best Practices ableiten lassen, die zur Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit beitragen können. 

Weltweite Übersicht zu Initiativen im Bereich Open Banking und Open Finance / Quelle: Konsentus 2023

Internationale Dynamik und Erfolgsmodelle 

Brasilien – Open Finance als Beschleuniger 

Brasilien hat in nur wenigen Jahren ein beeindruckendes Open-Finance-Ökosystem aufgebaut. Seit 2020 treibt die Zentralbank mit Open Finance Brasil eine Initiative voran, die weit über den klassischen Zahlungsverkehr hinausgeht und auch Kredite, Versicherungen und Investmentprodukte umfasst. Ein Zusammenschluss von mehr als 80 Finanzakteuren sorgt für einheitliche API-Standards und Register, was die Skalierbarkeit erheblich unterstützt. Die Nutzung dieser Infrastruktur nahm in den vergangenen zwei Jahren rasant zu: 2023 wurden bereits mehr als 51,9 Milliarden API-Aufrufe registriert, im Jahr 2024 verdoppelte sich dieses Volumen auf über 102 Milliarden Anfragen. Parallel dazu stieg die Zahl aktiver Datenteilungseinwilligungen von rund 42,1 Millionen Ende 2023 auf 56,8 Millionen Ende 2024. Banken berichten zusätzlich, dass sich Kreditentscheidungen durch den erweiterten Datenaustausch deutlich präziser gestalten lassen. Der brasilianische Fall zeigt, wie regulatorische Klarheit und konsequente Standardisierung innerhalb kurzer Zeit einen dynamischen Open-Finance-Markt entstehen lassen können ​[3]​. 

Vereinigtes Königreich – Pionier mit Governance-Struktur 

Das Vereinigte Königreich war 2018 das erste Land, das Open Banking regulatorisch verpflichtend eingeführt hat. Mit der Open Banking Implementation Entity entstand eine neutrale Instanz, die Standards entwickelte, Sicherheitsprofile definierte und ein zentrales Register führte. Heute nutzen mehr als 13,5 Millionen Menschen und Unternehmen aktiv Open-Banking-Dienste, und monatlich werden knapp zwei Milliarden API-Aufrufe verarbeitet ​[4]​. Besonders stark wächst der Bereich der Open-Banking-Zahlungen, dessen Volumen sich innerhalb eines Jahres um 60 Prozent gesteigert hat. Mit dem Data (Use and Access) Act von 2025 weitet die Regierung den Ansatz auf weitere Sektoren wie Energie und Handel aus und ebnet so den Weg zu einer umfassenden Smart-Data-Ökonomie. Der britische Weg verdeutlicht eindrucksvoll, wie wichtig zentrale Governance und klare Koordination für den Erfolg sein können ​[4–7]​.  

Europäische Union – NextGen PSD2 als globaler Standard 

Die Europäische Union legte 2018 mit der Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 den Grundstein für Open Banking und schuf damit die Voraussetzung für standardisierte Schnittstellen im Finanzsektor. Inzwischen nutzen mehr als 3.600 Banken in Europa solche Schnittstellen für den sicheren Austausch von Finanzdaten. Grundlage dafür ist das Rahmenwerk der Berlin Group, das sich als europaweiter De-facto-Standard etabliert hat ​[8]​. Diese Spezifikationen finden inzwischen auch international breite Anwendung. Weltweit basieren über 2.500 API-Produkte auf diesem Standard, wodurch Europa nahezu die Hälfte des globalen Open-Banking-Angebots stellt ​[9]​. Mit PSD3, der Payment Services Regulation (PSR) und der Financial Data Access Regulation (FiDA) wird der regulatorische Rahmen nun deutlich ausgeweitet. In Zukunft sollen nicht nur Bankkonten, sondern auch Kredite, Versicherungen und Pensionspläne integriert werden. Ergänzt wird dies durch ein Permission-Dashboard, das Kundinnen und Kunden mehr Transparenz und Kontrolle über ihre Dateneinwilligungen ermöglicht. Die EU beweist damit, wie regulatorische Vorgaben schrittweise weiterentwickelt werden können, um einen komplexen Binnenmarkt zu harmonisieren und gleichzeitig internationale Standards zu setzen ​[9–12]​.  

Singapur – Marktorientiertes Modell mit staatlicher Infrastruktur 

Singapur verfolgt seit Jahren einen hybriden Ansatz, der staatliche Unterstützung mit marktorientierter Dynamik verbindet. Bereits 2016 veröffentlichte die Monetary Authority of Singapore (MAS) zusammen mit dem Bankenverband ABS (Association of Banks in Singapore) ein API-Playbook mit Hunderten von Schnittstellen, auf das Banken und FinTechs aufbauen können. Mit SGFinDex wurde 2020 zudem eine Plattform geschaffen, über die Bürger mithilfe ihrer nationalen digitalen Identität, dem „SingPass“, Bank-, Versicherungs- und Pensionsdaten bündeln können. Bis Ende 2024 hatten bereits rund 400.000 Menschen diesen Dienst genutzt. Der Erfolg beruht auf Vertrauen, Benutzerfreundlichkeit und der Rolle des Staates als Infrastrukturgeber. Singapur zeigt eindrucksvoll, wie Open Finance auch ohne regulatorischen Zwang breite Akzeptanz finden kann ​[13–15]​. 

Australien – Ambition mit Anlaufschwierigkeiten 

Australien setzte mit dem Consumer Data Right auf einen besonders umfassenden Ansatz, der ursprünglich Banking, Energie und Telekommunikation miteinander verknüpfen sollte ​[16]​. Die Erwartungen waren hoch, doch die Realität blieb bislang hinter den Zielen zurück. Ende 2023 nutzten nur 0,31 Prozent der Bankkunden aktiv das System und viele Datenteilungsvereinbarungen wurden nicht verlängert. Hauptprobleme sind die geringe Bekanntheit, hohe Umsetzungskosten für Anbieter und ein Mangel an attraktiven Anwendungsfällen ​[17]​. Trotz dieser Hürden attestieren Studien dem Modell langfristig ein erhebliches ökonomisches Potenzial von über 16,7 Milliarden AUD ​[16]​. Um dies zu realisieren, setzt die Regierung auf eine Neuausrichtung mit Fokus auf relevante Use Cases und niedrigere Eintrittsbarrieren ​[18]​. Australien verdeutlicht damit, dass Regulierung und staatlicher Anschub allein nicht genügen, wenn der Kundennutzen nicht sichtbar ist. 


Lektionen für den Schweizer Finanzplatz 

Die unterschiedlichen Modelle zeigen, dass es nicht den einen Königsweg gibt. Brasilien und das Vereinigte Königreich beweisen, wie stark eine klare regulatorische Steuerung wirken kann, während Singapur aufzeigt, dass marktorientierte Ansätze ebenfalls erfolgreich sind, wenn der Staat die notwendige Infrastruktur und regulatorische Leitplanken bereitstellt. Australien mahnt dagegen zur Vorsicht und macht deutlich, dass Regulierungen allein wirkungslos bleiben, wenn der Kundennutzen und die Kundenakzeptanz nicht im Vordergrund stehen. Für die Schweiz lässt sich daraus schliessen, dass der bisherige freiwillige Ansatz nur dann tragfähig ist, wenn er mit gemeinsamen Standards, verbindlichen Fahrplänen und einer übergeordneten (Markt-)koordination ergänzt wird. Ebenso entscheidend ist es, frühzeitig Anwendungen zu schaffen, die den Kundinnen und Kunden einen erkennbaren Mehrwert bieten. Multi-Banking-Lösungen, transparente Vorsorgeübersichten oder intelligente Budgetierungs-Tools könnten Akzeptanz schaffen und Vertrauen in Open Finance verankern. Von zentraler Bedeutung könnte ausserdem die Einführung der staatlichen E-ID ab 2026 sein, die wie SingPass in Singapur langfristig zum Schlüssel für Vertrauen und Benutzerfreundlichkeit werden könnte. Schliesslich darf auch die internationale Interoperabilität nicht ausser Acht gelassen werden. Open Finance sollte nicht in nationalen Grenzen gedacht werden, sondern als grenzüberschreitendes Ökosystem, in dem sich bereits heute abzeichnet, dass insbesondere die Standards unserer europäischen Nachbarländer langfristig prägend sein werden. 


Ausblick 

Mit diesem Beitrag endet der zweite Teil unserer Blogserie zu Open Finance. Während Stefan Knaus im ersten Artikel die Situation in der Schweiz beleuchtet hat, haben wir hier den internationalen Vergleich gezogen und die wichtigsten Lehren für den Schweizer Finanzplatz in konkrete Handlungsempfehlungen übersetzt. Ein vertiefter Überblick über die internationalen Entwicklungen und ihre Bedeutung für die Schweiz folgt zudem im White Paper, das das OpenBankingProject.ch gemeinsam mit PPI Schweiz erarbeitet und das Ende Oktober 2025 veröffentlicht wird. Die Ergebnisse werden am 13. Mitgliederanlass des OpenBankingProject.ch am 12. November 2025 bei der Ergon Informatik AG in Zürich vorgestellt. Für Fragen zum White Paper, zum Event oder zu den aktuellen Entwicklungen im Bereich Open Finance stehen Stefan Knaus und Friedrich-Philipp Wazinski gerne zur Verfügung. 


Referenzen

​​1.  Konsentus. One in Three Nations now on the Open Banking Journey, Konsentus Study Shows | Konsentus [Internet]. 2023 [cited 2025 Jul 3]. Available from: https://www.konsentus.com/one-in-three-nations-now-on-open-banking-journey-konsentus-study-shows/ 

​2.  Konsentus. The World of Open Banking and Open Finance: October 2023 | Konsentus [Internet]. 2023 [cited 2025 Sep 30]. Available from: https://www.konsentus.com/open-banking-world-map-oct-2023 

​3.  Open Banking Brasil. Relatório Anual 2024. 2024;  

​4.  Open Banking Limited. API performance stats – Open Banking [Internet]. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://www.openbanking.org.uk/api-performance/ 

​5.  Open Banking Limited. Adoption Analysis – The open banking Impact Report 2025 May [Internet]. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://openbanking.foleon.com/live-publications/the-obl-impactreport-7/adoption-analysis 

​6.  Gov UK Department for Science I& T. Data (Use and Access) Bill factsheet: growing the economy [Internet]. 2024 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://www.gov.uk/government/publications/data-use-and-access-bill-factsheets/data-use-and-access-bill-factsheet-growing-the-economy 

​7.  UK Parliament. Data (Use and Access) Act 2025 – Parliamentary Bills – UK Parliament [Internet]. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://bills.parliament.uk/bills/3825 

​8.  The Global Open Data Tracker. NextGenPSD2 – Ozone [Internet]. 2025 [cited 2025 Sep 30]. Available from: https://ozoneapi.com/the-global-open-data-tracker/library/nextgenpsd2/ 

​9.  Blader RF. Open Banking Is Finally Coming To America. 2024.  

​10.  The Global Open Data Tracker. NextGenPSD2 [Internet]. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://ozoneapi.com/the-global-open-data-tracker/library/nextgenpsd2/ 

​11.  The Global Open Data Tracker. Bahrain Open Banking Framework – Bahrain [Internet]. 2025 [cited 2025 Sep 8]. Available from: https://ozoneapi.com/the-global-open-data-tracker/library/bahrainobf/ 

​12.  Europäische Kommission. RICHTLINIE DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES [Internet]. 2023 [cited 2025 Sep 30]. Available from: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX:52023PC0366 

​13.  LUXHUB. Empowering Innovation: How Singapore’s Open Banking is Reshaping Finance – LUXHUB [Internet]. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://luxhub.com/empowering-innovation-how-singapores-open-banking-is-reshaping-finance/ 

​14.  Chiang S. Banks, insurers see more customers using SGFinDex for financial planning | The Straits Times [Internet]. 2025. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://www.straitstimes.com/business/banks-insurers-increasingly-see-customers-using-sgfindex-for-financial-planning 

​15.  Monetary Authority of Singapore. Singapore Financial Data Exchange (SGFinDex) [Internet]. 2024. 2024 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://www.mas.gov.sg/development/fintech/sgfindex 

​16.  Deloitte. Harnessing the Consumer Data Right to provide a $16.7 billion boost to Australia’s economic future | Deloitte Australia [Internet]. 2024 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://www.deloitte.com/au/en/about/press-room/harnessing-consumer-data-right-provide-16-7-billion-boost-australias-economic-future-110324.html 

​17.  Australian Banking Association. Release of Strategic Review into roll-out of the Consumer Data Right  – Australian Banking Association [Internet]. 2024 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://www.ausbanking.org.au/release-of-strategic-review-into-roll-out-of-the-consumer-data-right/ 

​18.  Jones S. Consumer Data Right expansion to deliver a better deal for consumers | Treasury Ministers [Internet]. 2025 [cited 2025 Jul 14]. Available from: https://ministers.treasury.gov.au/ministers/stephen-jones-2022/media-releases/consumer-data-right-expansion-deliver-better-deal 

Friedrich Wazinski