Quantensicher werden, bevor es nötig ist: Die FINMA ordnet die Quantenagenda der Banken neu

Am 9. Juli 2026 hat die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA ihre Aufsichtsmitteilung 05/2026 zu Quantum Computing veröffentlicht (vgl. FINMA, 2026a, 2026b). Die darin publizierte Umfrage unter 60 Schweizer Finanzinstituten legt eine Asymmetrie offen, die für jede Planung entscheidend ist. Die Institute erwarten die Cyberrisiken der Technologie früher als deren geschäftlichen Nutzen. Gleichzeitig haben 72 Prozent von ihnen noch keine Massnahmen zur quantensicheren Verschlüsselung ergriffen. Benjamin Schaefer ordnet ein, was die Aufsicht konkret erwartet, weshalb ein Forschungsergebnis aus dem Jahr 2025 die Zeitachse verschoben hat und warum kryptographisches Inventar und Kryptoagilität die eigentlichen Entscheidungen der nächsten zwölf Monate sind.

Es gibt Technologien, die Handlungsbedarf auslösen, lange bevor sie verfügbar sind. Quantencomputing gehört dazu, und genau darin liegt die Planungsaufgabe für Entscheidungsträger. Ein Thema, dessen Zeitpunkt niemand kennt, dessen Vorbereitung aber Jahre beansprucht, passt in kein gewöhnliches Investitionsraster. In diesem Blog wurde die Technologie im Juni 2025 vor allem als Chancenthema beschrieben, mit erheblichem Potenzial für Portfoliooptimierung, Risikoanalyse und Kreditrisikomanagement, begleitet von technologischen, sicherheitsrelevanten und personellen Herausforderungen (Schaefer, 2025). Gut ein Jahr später hat sich der Akzent verschoben. Im Vordergrund steht nun nicht mehr das Potenzial, sondern die Erwartung der Aufsicht.

Die FINMA hat von November 2025 bis Januar 2026 bei 60 Schweizer Finanzinstituten eine Umfrage zu den Chancen und Risiken von Quantum Computing durchgeführt, darunter Banken, Versicherungen, Verwalter von Kollektivvermögen und Finanzmarktinfrastrukturen (FINMA, 2026a; finews.ch, 2026). Das Ergebnis fasst die Behörde in ihrer Medienmitteilung nüchtern zusammen. Die Institute seien sich der Cyberrisiken von kryptografisch relevanten Quantum Computern bewusst, meist fehle aber eine klare Roadmap und eine ausreichend vorausschauende Planung für die Migration zu quantensicherer Verschlüsselung (FINMA, 2026a).

Der entscheidende Satz folgt unmittelbar danach. Um die Vorgaben zu operationellen Risiken und Resilienz weiterhin zu erfüllen, sieht die FINMA «Handlungsbedarf im Risikomanagement zahlreicher Institute» (FINMA, 2026a). Wer die Sprache der Aufsicht kennt, liest hier keine Anregung, sondern eine Feststellung. Die Zahlen dahinter sind eindeutig. 72 Prozent der befragten Institute haben bislang keine Massnahmen zur quantensicheren Verschlüsselung geplant oder getroffen. 28 Prozent haben einen Strategie-Entscheid auf Stufe Geschäftsleitung oder Verwaltungsrat gefällt, und nur 20 Prozent verfügen zusätzlich über ein laufendes Projekt (FINMA, 2026b).

Die Asymmetrie zwischen Schutzbedarf und Nutzen

Aufschlussreich wird die Umfrage dort, wo sie zwei Zeithorizonte gegenüberstellt. 69 Prozent der Institute rechnen damit, dass die Cyberrisiken des Quantum Computings innerhalb von sieben Jahren für sie relevant werden, und rund zwei Drittel gehen davon aus, dass ein Quantencomputer spätestens in zehn Jahren eine RSA-2048-Bit-Verschlüsselung innerhalb von 24 Stunden brechen kann (FINMA, 2026b; vgl. finews.ch, 2026). Beim eigenen Nutzen fällt die Einschätzung deutlich zurückhaltender aus. Knapp zwei Drittel erwarten den produktiven Einsatz von Quantenanwendungen erst in acht oder mehr Jahren (Fintechnews Switzerland, 2026). Abbildung 1 stellt beide Befunde gegenüber.

Diese Asymmetrie ist der aufschlussreichste Befund der Umfrage. Die Institute benötigen die Schutzseite der Technologie früher, als sie deren Nutzen einsetzen können. In dieser Konstellation trägt ein klassischer Business Case nicht weit, der Ertrag und Aufwand gegenüberstellt, denn der Ertrag besteht in gesicherter Vertraulichkeit über einen Zeitraum, dessen Ende heute offen ist. Genau deshalb verlagert die Aufsicht die Frage vom Investitionsentscheid in das Risikomanagement, wo Unsicherheit ohnehin die Grundvoraussetzung der Arbeit ist. Die Begründung des Vorhabens speist sich damit nicht aus dem erwarteten Nutzen, sondern aus dem Schutzbedarf der Daten und aus der Erwartung der Aufsicht.

Abbildung 1: Umfrage der FINMA bei 60 Schweizer Finanzinstituten von November 2025 bis Januar 2026. Links der erwartete Zeithorizont der Cyberrisiken, rechts der Stand der Arbeiten zu Post Quantum Security. Fragestellungen und Antwortkategorien folgen der Originalerhebung, eigene Darstellung (FINMA, 2026b). Die Prozentwerte sind gerundet, weshalb die linke Verteilung auf 101 Prozent summiert.

Kurz rekapituliert: weshalb Quantencomputer die Kryptografie verändern

Klassische Rechner arbeiten deterministisch, Quantencomputer hingegen probabilistisch (Dietz et al., 2020). Der Unterschied beginnt bei der kleinsten Einheit. Ein klassisches Bit nimmt zu jedem Zeitpunkt genau einen von zwei Zuständen an, entweder null oder eins. Ein Qubit, die Recheneinheit eines Quantencomputers, kann beide Zustände gleichzeitig repräsentieren. Dieser Zustand wird als «Superposition» bezeichnet (Dietz et al., 2020; Shipilov, 2019). Hinzu kommt die «Verschränkung», bei der zwei oder mehr Qubits so miteinander verbunden sind, dass der Zustand des einen den Zustand des anderen unmittelbar bestimmt, und zwar unabhängig von der räumlichen Distanz zwischen ihnen (Dietz et al., 2020). Rechenoperationen wirken dadurch nicht auf ein Qubit nach dem anderen, sondern auf viele gleichzeitig.

Aus diesen beiden Eigenschaften folgt der eigentliche Hebel. Ein System aus N Qubits kann theoretisch zwei hoch N Zustände parallel abbilden, woraus bei bestimmten Problemklassen ein exponentieller Vorteil gegenüber N klassischen Bits entsteht (Dietz et al., 2020; Schaefer, 2025). Praktisch nutzbar ist dieser Vorteil bislang kaum, weil die heutigen Systeme fehleranfällig bleiben und in der von Preskill (2018) beschriebenen Zwischenphase ohne vollständige Fehlerkorrektur operieren. Eine ausführliche Einführung in Funktionsweise, Anwendungsfelder und Herausforderungen der Technologie bietet der Beitrag vom Juni 2025 (Schaefer, 2025).

Sicherheitsrelevant wird die Entwicklung durch Shors Algorithmus, der bereits 1994 zeigte, dass sich sehr grosse Zahlen mit Quantenverfahren effizient faktorisieren lassen (Shor, 1994). Verbreitete asymmetrische Verfahren wie RSA und Elliptic Curve Cryptography beruhen genau auf der praktischen Unlösbarkeit dieser Aufgabe. Betroffen sind damit Schlüsselaustausch und digitale Signaturen, also jene Bausteine, auf denen E-Banking-Sitzungen, Zahlungsverkehrsnachrichten, Zertifikatsketten und die gesicherte Kommunikation mit Dienstleistern aufsetzen (vgl. BSI, 2026). Symmetrische Verfahren sind weniger exponiert und lassen sich im Wesentlichen über längere Schlüssel absichern (vgl. Auer et al., 2024). Als «kryptografisch relevant» gilt ein Quantencomputer daher erst dann, wenn er leistungsfähig genug ist, diese Verfahren tatsächlich zu brechen. Solche Maschinen existieren heute nicht, doch die technischen Fortschritte haben nach Einschätzung der FINMA an Dynamik gewonnen, sodass in den kommenden Jahren mit ihrer Entwicklung zu rechnen ist (FINMA, 2026b).

Der für die Planung wichtigste Punkt ist ein anderer. Der Schutzbedarf beginnt nicht erst mit dem ersten leistungsfähigen Quantencomputer, sondern bereits heute. Das Angriffsmuster «harvest now, decrypt later», teilweise auch «store now, decrypt later» genannt, verläuft in zwei Schritten. Zunächst fangen Angreifer verschlüsselte Daten ab, etwa aus dem Netzverkehr, aus kopierten Sicherungsbeständen oder aus abgezogenen Archiven, und speichern sie, ohne sie lesen zu können. Sobald später ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer verfügbar ist, entschlüsseln sie den gesammelten Bestand rückwirkend (Auer et al., 2024; Noone, 2023). Über die Vertraulichkeit entscheidet damit nicht der Moment des Zugriffs, sondern die Frage, wie lange die Daten geschützt bleiben müssen. Genau diese Schutzdauer ist die Planungsgrösse.

Für Finanzinstitute verschiebt dieses Muster die relevante Zeitachse. Nicht das Erscheinungsdatum der Technologie zählt, sondern die Dauer, über die Daten vertraulich bleiben müssen. Wer Kundendossiers, Kreditakten oder Vertragsunterlagen über zehn oder fünfzehn Jahre schützen muss, sollte nach dieser Logik heute damit beginnen. Mosca (2018) hat diesen Zusammenhang in eine einfache Ungleichung übersetzt. Sobald die Schutzdauer der Daten und die Dauer der Migration zusammen über die Zeit bis zum Erscheinen eines kryptografisch relevanten Quantencomputers hinausreichen, gehört der Start in die Gegenwart. Abbildung 2 überträgt diese Rechnung auf die derzeit bekannten Zeitangaben.

Abbildung 2: Die Zeitrechnung der Migration in Anlehnung an die Ungleichung von Mosca (2018). Der Zeithorizont der Risiken folgt der Erwartung der befragten Institute (FINMA, 2026b), die angenommene Migrationsdauer der Einschätzung der Mehrheit der befragten Organisationen in einer Erhebung des FIRM (2026). Die Schutzdauer von 15 Jahren ist ein Beispielwert.

Ein Forschungsergebnis, das die Kalkulation verändert hat

Weshalb der Handlungsdruck gerade jetzt zunimmt, lässt sich an der Forschung ablesen. Gidney und Ekerå (2021) schätzten, dass sich eine RSA-2048-Bit-Zahl mit rund 20 Millionen fehlerbehafteten Qubits in etwa acht Stunden faktorisieren liesse, eine Grössenordnung, die die Dringlichkeit lange relativierte. Im Mai 2025 legte Gidney eine neue Abschätzung vor. Unter denselben Hardwareannahmen genügen nach dieser Analyse weniger als eine Million fehlerbehaftete Qubits, um dieselbe Aufgabe in weniger als einer Woche zu lösen (Gidney, 2025). Die Schätzung des Qubit-Bedarfs sinkt damit um etwa den Faktor zwanzig, erkauft durch eine längere Rechenzeit und ohne dass ein einziger neuer Chip gebaut werden musste.

Bemerkenswert ist die Ursache dieser Verschiebung. Sie stammt nicht aus der Hardware, sondern aus besseren Algorithmen und effizienterer Fehlerkorrektur (vgl. Gidney, 2025). Genau in diesem Feld sind die Fortschritte in den vergangenen Jahren besonders schnell ausgefallen, etwa als eine Fehlerkorrektur unterhalb der kritischen Schwelle des Surface Codes demonstriert wurde (Google Quantum AI and Collaborators, 2025). Parallel dazu bleibt die Hardwareseite ambitioniert getaktet. IBM kündigt für 2029 mit Starling nach eigenen Angaben den ersten hochskalierenden fehlertoleranten Quantencomputer an, der rund zwanzigtausendmal mehr Operationen ausführen soll als heutige Systeme (IBM, 2025). Für Institute folgt daraus eine planungsrelevante Einsicht. Die eigene Einschätzung kann sich innerhalb eines Jahres verändern, ohne dass sich an der verfügbaren Hardware etwas geändert hat. Wer auf Kryptoagilität setzt, macht sich von solchen Verschiebungen unabhängig.

Was die FINMA konkret erwartet

Die Aufsichtsmitteilung führt kein neues Regelwerk ein. Nach Auffassung der Behörde erfassen die bestehenden technologieneutralen und prinzipienbasierten Anforderungen an Governance und Risikomanagement die Risiken aus der Entwicklung leistungsfähiger Quantencomputer bereits (Lexology, 2026). Umso deutlicher fällt die Konkretisierung aus. Die FINMA beschreibt sechs mögliche Massnahmenbereiche, nämlich eine klare Strategie und Roadmap für die Migration zu quantensicheren Verschlüsselungen, eine institutsspezifische Risikoanalyse, die Erstellung eines kryptographischen Inventars, den Schutz kritischer Daten vor Angriffen nach dem Muster «harvest now, decrypt later», den Einbezug externer Dienstleister sowie die Umstellung auf Kryptoagilität (FINMA, 2026a, 2026b). Die Roadmap sollte spätestens bis Mitte 2027 vorliegen (FINMA, 2026b; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026).

Wer diese Aufzählung nüchtern liest, erkennt eine Verschiebung der Zuständigkeit. Fünf der sechs Punkte betreffen weniger die Kryptografie selbst als Governance, Architektur, Datenhaushalt und Beschaffung. Die Auswahl von Algorithmen ist der kleinste Teil der Arbeit, weil die Standards dafür längst vorliegen. Das NIST hat mit ML-KEM für die Schlüsselvereinbarung sowie ML-DSA und SLH-DSA für Signaturen die algorithmische Grundlage geschaffen (NIST, 2024). Die offene Frage lautet nicht, welche Verfahren eingesetzt werden, sondern an welchen Stellen im Institut sie überhaupt eingesetzt werden können.

Eine Beobachtung am Rande verdient Aufmerksamkeit, weil sie den Charakter des Dokuments beschreibt. In der Aufsichtsmitteilung taucht der Begriff der Chancen lediglich zweimal auf, während Risiken samt Wortzusammensetzungen über zwanzigmal genannt werden (finews.ch, 2026). Die Aufsicht hat ihre Perspektive damit klar gewählt. Für Institute bedeutet dies, dass sie die Chancenseite selbst besetzen müssen, wenn sie sie überhaupt besetzen wollen.

Regulatorische Konvergenz statt Schweizer Sonderweg

Die FINMA agiert nicht isoliert. Nur zwei Tage vor ihrer Publikation, am 7. Juli 2026, hat die EZB-Bankenaufsicht mit dem Schreiben SSM-2026-0301 die Geschäftsleitungen der bedeutenden Institute adressiert und einen umfassenden Aktionsplan zur Abwehr KI-gestützter Cyberangriffe verlangt, der den zuständigen Joint Supervisory Teams bis zum 31. Oktober 2026 vorzulegen ist (European Central Bank, 2026). Zeitgleich warnte der Europäische Ausschuss für Systemrisiken vor systemischen Cyberrisiken aus Frontier-Modellen der künstlichen Intelligenz (A&O Shearman, 2026). Zur Post-Quanten-Kryptografie kündigt die EZB darin ein eigenes Schreiben an und hält fest, dass deren Einführung einen längeren Zeithorizont beansprucht, jetzt beginnen muss und über Jahre hinweg strategisch zu finanzieren ist (European Central Bank, 2026).

Diese Reihenfolge ist bedeutsamer, als sie auf den ersten Blick wirkt. Die europäische Aufsicht behandelt KI-gestützte Angriffe als das akute und die Kryptografie-Migration als das strukturelle Problem. Beide Agenden konkurrieren um dieselben Budgets, dieselben Architekturvorhaben und dieselben knappen Fachkräfte. Institute, die beide Agenden gemeinsam planen und budgetieren, halten auch das langsamere Vorhaben im Takt.

Parallel entstehen Fristen, die faktisch als Marktstandard wirken, auch wenn sie für Schweizer Institute nicht unmittelbar gelten. Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat in der Fortschreibung seiner Technischen Richtlinie TR-02102 im Februar 2026 erstmals ein Ablaufdatum für klassische asymmetrische Verschlüsselungsverfahren formuliert. Für die Schlüsseleinigung soll der alleinige Einsatz nur noch bis Ende 2031 empfohlen werden, bei höchstsensitiven Anwendungen bis Ende 2030 und für klassische Signaturverfahren bis Ende 2035, jeweils gefolgt von einer hybriden Kombination mit Post-Quanten-Kryptografie (BSI, 2026). Auf europäischer Ebene empfiehlt der koordinierte Fahrplan der NIS-Kooperationsgruppe den Mitgliedstaaten, erste Schritte und nationale Migrationsstrategien bis Ende 2026 umzusetzen und kritische Infrastrukturen bis 2030 auf quantensichere Verfahren umzustellen (NIS Cooperation Group, 2025). Für Institute mit EU-Geschäft, internationalen Zahlungsverkehrsanbindungen oder europäischer Software bestimmen diese Termine den eigenen Zeitplan mit, weil Protokolle, Zertifikate und Produktversionen ihnen folgen werden.

Der operative Kern: Inventar, hybride Verfahren, Kryptoagilität

Die erste Aufgabe klingt unspektakulär und ist trotzdem der Engpass. Ein Institut muss wissen, wo bei ihm welche Kryptografie im Einsatz ist. Die FINMA erwartet eine Bestandsaufnahme über sämtliche Geschäftsprozesse hinweg, die Verschlüsselungs-, Signatur- und Authentisierungsverfahren erfasst und dabei ICT-Systeme, Applikationen, Infrastruktur sowie neuere Technologien wie Distributed-Ledger-Anwendungen einschliesst, unabhängig davon, ob sie selbst betrieben, ausgelagert oder als Service bezogen werden (FINMA, 2026b; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026). Erst auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, welche Algorithmen quantenanfällig sind und in welcher Reihenfolge sie ersetzt werden müssen. Der Aufwand wird dabei regelmässig unterschätzt, weil kryptografische Verfahren nicht nur in Kernanwendungen stecken, sondern auch in Zertifikaten, VPN-Verbindungen, eingebetteten Schlüsseln und Eigenentwicklungen. Der europäische Fahrplan hebt kryptografische Inventare und Abhängigkeitskarten deshalb ausdrücklich als Grundlage jeder Migrationsplanung hervor (vgl. NIS Cooperation Group, 2025).

Der zweite Schritt ist eine Priorisierung nach Schutzbedarf und Schutzdauer statt nach Systemkritikalität allein. Daten, die langfristig vertraulich bleiben müssen, sind zuerst zu schützen. Die FINMA empfiehlt dafür eine hybride Lösung, also die Kombination eines klassischen mit einem quantensicheren Algorithmus, damit die Vertraulichkeit auch dann erhalten bleibt, wenn eines der beiden Verfahren unsicher wird (FINMA, 2026b; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026). Dieselbe Logik führt zum dritten und strategisch wichtigsten Punkt. Weil auch heute als sicher geltende Verfahren künftig unerwartet fallen können, verlangt die Aufsicht Kryptoagilität, also die Fähigkeit, kryptografische Verfahren auszutauschen, ohne die Softwarearchitektur grundlegend umzubauen (FINMA, 2026b; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026).

Damit rückt ein Prinzip in den Mittelpunkt, das in diesem Blog schon in anderen Zusammenhängen beschrieben wurde, nämlich die Entkopplung von Funktion und Implementierung (vgl. Schaefer, 2026). Kryptoagilität setzt voraus, dass kryptografische Operationen über klar definierte Schnittstellen und zentrale Dienste bezogen werden, anstatt in Anwendungen, Skripten und Schnittstellenkonfigurationen fest verdrahtet zu sein. Institute, die ihre Architektur in den vergangenen Jahren konsequent in Richtung Modularität entwickelt haben, starten hier mit einem strukturellen Vorteil. Für alle anderen ist die Migration weniger ein Sicherheitsprojekt als ein Architekturprogramm mit aufsichtsrechtlichem Nachweisbedarf.

Die Dienstleisterfrage entscheidet über das Tempo

In einem Markt mit hoher Auslagerungstiefe liegt ein grosser Teil der betroffenen Kryptografie ausserhalb des eigenen Hauses. Sie steckt in Kernbankenplattformen, im Business Process Outsourcing, in Cloud-Diensten, in Hardware-Sicherheitsmodulen und in der Anbindung an Finanzmarktinfrastrukturen (vgl. Schaefer, 2026). Entsprechend erwartet die FINMA, dass Institute sich vergewissern, ob ihre Dienstleister die Umstellung auf quantensichere Kryptografie ebenfalls vollziehen. Kryptoagilität soll zur Voraussetzung für alle neuen Auslagerungen im Software- und Datenbereich werden und bei bestehenden Vereinbarungen zum nächstmöglichen Zeitpunkt in die Anforderungen einfliessen (FINMA, 2026b; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026). Ergänzend empfiehlt die Behörde eine langfristig angelegte Planung mit Drittanbietern und die frühzeitige vertragliche Verankerung entsprechender Massnahmen (vgl. FINMA, 2026b).

Praktisch heisst das, dass die Migrationsgeschwindigkeit eines Instituts nicht allein von der eigenen Roadmap abhängt, sondern von der Roadmap seiner Anbieter und von der Verhandlungsposition, mit der es diese einfordern kann. Für kleinere und mittlere Institute auf standardisierten Plattformen liegt die Konsequenz auf der Hand. Sie werden das Thema gemeinsam adressieren müssen, etwa über bestehende Anwendergemeinschaften oder über sektorale Kooperationsgefässe wie das Swiss Financial Sector Cyber Security Centre, dessen Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Cybersicherheit im Jahresbericht 2025 ausdrücklich erwähnt wird (BACS, 2026). Für Anbieter wiederum kann nachgewiesene Kryptoagilität zu einem Differenzierungsmerkmal werden, das sich in Ausschreibungen prüfen lässt.

Der Nutzen bleibt, er kommt nur später

Bei all dem gerät die Chancenseite leicht aus dem Blick, obwohl sie den Ausgangspunkt der Diskussion bildete. Die von der FINMA befragten Institute sehen den grössten geschäftlichen Wert der Technologie in der Risiko- und Portfolioanalyse, im Transaktionsmonitoring, im algorithmischen Handel und in der Erzeugung besserer Zufallszahlen (FINMA, 2026b; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026). Diese Einschätzung deckt sich mit den Anwendungsfeldern, die in der Forschung seit Jahren diskutiert werden, von der Portfoliooptimierung bis zur Beschleunigung von Monte-Carlo-Simulationen im Risikomanagement (Orús et al., 2019; Schaefer, 2025). Wirtschaftlich bleibt das Feld attraktiv. McKinsey veranschlagt das globale Wertpotenzial von Quantencomputing bis 2035 auf 1,3 bis 2,7 Billionen US-Dollar, wovon bis zu 600 Milliarden US-Dollar auf die Finanzindustrie entfallen sollen (McKinsey & Company, 2026; vgl. Fintechnews Switzerland, 2026).

Solche Zahlen sind Szenarien und keine Planungsgrössen. Aufschlussreich ist vor allem ihre Stabilität. Die Grössenordnung des erwarteten Nutzens hat sich über mehrere Jahre kaum verändert (vgl. Schaefer, 2025), während sich die Verteidigungsseite von einer abstrakten Warnung zu einer konkretisierten Aufsichtserwartung mit Zeithorizont entwickelt hat. Für die Priorisierung im Institut ergibt sich daraus eine klare Reihenfolge. Anwendungsfälle lassen sich beobachten, in Kooperationen erproben und bei Bedarf zurückstellen. Die Migration der Kryptografie lässt sich nicht zurückstellen, weil ihre Vorlaufzeit von aufsichtsrechtlichen Fristen und von der technologischen Entwicklung bestimmt wird und nicht vom eigenen Planungskalender.


Fazit

Quantencomputing ist für Finanzinstitute vom Zukunftsthema zur Führungsaufgabe mit Termin geworden. Die Aufsichtsmitteilung 05/2026 schafft keine neuen Pflichten, verschiebt aber die Begründungslast. Wer bis Mitte 2027 keine belastbare Roadmap vorlegen kann, muss damit rechnen, gegenüber der Aufsicht zu begründen, weshalb die Vorgaben zu operationellen Risiken und Resilienz weiterhin als erfüllt gelten (vgl. FINMA, 2026a, 2026b). Die eigentliche Arbeit liegt dabei nicht in der Auswahl von Algorithmen, sondern in drei Entscheidungen, die jetzt zu treffen sind. Erstens ist zu klären, wer im Institut das kryptographische Inventar verantwortet und mit welchem Mandat. Zweitens ist zu bestimmen, welche Datenbestände aufgrund ihrer Schutzdauer zuerst hybrid abzusichern sind. Drittens ist festzulegen, ab wann Kryptoagilität in jeder Architektur- und Sourcing-Entscheidung als verbindliche Anforderung gilt.

Das Besondere an dieser Aufgabe ist die doppelte Herkunft ihres Termindrucks. Der eine Teil ist datiert und aufsichtsrechtlich gesetzt. Er reicht von der Roadmap bis Mitte 2027 über den europäischen Fahrplan bis Ende 2026 hin zu den Ablaufdaten für klassische Verfahren am Ende des Jahrzehnts (vgl. BSI, 2026; FINMA, 2026b; NIS Cooperation Group, 2025). Der andere Teil ist undatiert, weil niemand weiss, wann ein kryptografisch relevanter Quantencomputer verfügbar sein wird. Das Beispiel der um den Faktor zwanzig gesunkenen Qubit-Abschätzung zeigt, wie schnell sich dieser zweite Teil verschieben kann, und zwar allein durch besseres Denken und nicht durch bessere Maschinen (vgl. Gidney, 2025). Wer auf die datierten Fristen hin plant, erfüllt die Vorgaben. Wer den undatierten Teil mitdenkt, gewinnt zusätzlich Handlungsfreiheit. Eine einmalige Umstellung ist deshalb die falsche Zielsetzung. Institute, die stattdessen die Fähigkeit aufbauen, ihre Kryptografie wiederholt und geordnet zu wechseln, bestehen nicht nur diesen Wechsel, sondern auch den nächsten.


Quellen

A&O Shearman. (2026). ECB requires significant institutions to address AI-enabled cybersecurity threats. https://www.aoshearman.com/en/insights/ecb-requires-significant-institutions-to-address-ai-enabled-cybersecurity-threats

Auer, R., Dupont, A., Gambacorta, L., Park, J. S., Takahashi, K., & Valko, A. (2024). Quantum computing and the financial system: Opportunities and risks (BIS Papers No. 149). Bank for International Settlements. https://www.bis.org/publ/bppdf/bispap149.pdf

Bundesamt für Cybersicherheit BACS. (2026). Jahresbericht Bundesamt für Cybersicherheit 2025: Konsolidierte Strukturen, gestärkte Wirkung. https://www.ncsc.admin.ch/ncsc/de/home/aktuell/im-fokus/2026/jahresbericht.html

Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik BSI. (2026). BSI empfiehlt Ende klassischer asymmetrischer Verschlüsselungsverfahren. Pressemitteilung vom 11. Februar 2026. https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Presse/Pressemitteilungen/Presse2026/260211_Ende_klassischer_Verschluesselungsverfahren.html

Dietz, M., Henke, N., Backes, J., Moon, J., Pautasso, L., & Sadeque, Z. (2020). How quantum computing could change financial services. McKinsey & Company. https://www.mckinsey.com/industries/financial-services/our-insights/how-quantum-computing-could-change-financial-services

Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA. (2026a). FINMA-Aufsichtsmitteilung zu Quantum Computing. Medienmitteilung vom 9. Juli 2026. https://www.finma.ch/de/news/2026/07/20260709-mm-am-05-26/

Eidgenössische Finanzmarktaufsicht FINMA. (2026b). FINMA-Aufsichtsmitteilung 05/2026: Quantum Computing. https://www.finma.ch/de/~/media/finma/dokumente/dokumentencenter/myfinma/4dokumentation/finma-aufsichtsmitteilungen/20260709-finma-aufsichtsmitteilung-05-2026.pdf?sc_lang=de&hash=59B9081AC61161D34364FEA2A69B3574

European Central Bank. (2026). Addressing AI-enabled cybersecurity threats. Schreiben an bedeutende Institute (SSM-2026-0301) vom 7. Juli 2026. https://www.bankingsupervision.europa.eu/press/letterstobanks/shared/pdf/2026/ssm.2026_letter_on_AI_enabled_cybersecurity_threats.en.pdf

finews.ch. (2026). Finma erteilt Ratschläge zu Quantum Computing. https://www.finews.ch/news/finanzplatz/72895-finma-aufsichtsmitteilung0526-quantencomputer-cyberrisiken-umfrage-empfehlungen-kryptografie

Fintechnews Switzerland. (2026). FINMA releases guidance to help institutions mitigate quantum computing risks. https://fintechnews.ch/fintech/finma-releases-guidance-to-help-institutions-mitigate-quantum-computing-risks/84663/

FIRM Frankfurter Institut für Risikomanagement und Regulierung. (2026). Post-Quantum-Kryptografie und ihre Auswirkungen auf den Finanzsektor. https://firm.fm/paper/post-quantum-kryptografiepqk-und-ihre-auswirkungen-auf-den-finanzsektor/

Gidney, C. (2025). How to factor 2048 bit RSA integers with less than a million noisy qubits (arXiv:2505.15917). Google Quantum AI. https://arxiv.org/abs/2505.15917

Gidney, C., & Ekerå, M. (2021). How to factor 2048 bit RSA integers in 8 hours using 20 million noisy qubits. Quantum, 5, 433. https://doi.org/10.22331/q-2021-04-15-433

Google Quantum AI and Collaborators. (2025). Quantum error correction below the surface code threshold. Nature, 638, 920 bis 926. https://doi.org/10.1038/s41586-024-08449-y

IBM. (2025). IBM lays out clear path to fault-tolerant quantum computing. IBM Quantum Computing Blog, 10. Juni 2025. https://www.ibm.com/quantum/blog/large-scale-ftqc

Lexology. (2026). FINMA guidance warns Swiss financial institutions should prepare for post-quantum cyber risks. https://www.lexology.com/library/detail.aspx?g=4fd1d749-4895-4c39-9629-e5424865eeb5

McKinsey & Company. (2026). Quantum Technology Monitor 2026: A commercial tipping point. https://www.mckinsey.com/capabilities/mckinsey-technology/our-insights/mckinsey-quantum-technology-monitor-2026-a-commercial-tipping-point

Mosca, M. (2018). Cybersecurity in an era with quantum computers: Will we be ready? IEEE Security & Privacy, 16(5), 38 bis 41. https://doi.org/10.1109/MSP.2018.3761723

NIS Cooperation Group. (2025). A coordinated implementation roadmap for the transition to post-quantum cryptography. Europäische Kommission. https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/coordinated-implementation-roadmap-transition-post-quantum-cryptography

National Institute of Standards and Technology. (2024). FIPS 203: Module-lattice-based key-encapsulation mechanism standard. Ergänzend FIPS 204 zu ML-DSA und FIPS 205 zu SLH-DSA. https://csrc.nist.gov/pubs/fips/203/final

Noone, G. (2023). Are harvest now, decrypt later cyberattacks actually happening? Tech Monitor. https://www.techmonitor.ai/hardware/quantum/harvest-now-decrypt-later-cyberattack-quantum-computer

Orús, R., Mugel, S., & Lizaso, E. (2019). Quantum computing for finance: Overview and prospects. Reviews in Physics, 4, 100028. https://doi.org/10.1016/j.revip.2019.100028

Preskill, J. (2018). Quantum computing in the NISQ era and beyond. Quantum, 2, 79. https://doi.org/10.22331/q-2018-08-06-79

Schaefer, B. (2025). Quantencomputing in der Finanzwirtschaft: Grundlagen, Potenziale und Herausforderungen. cc-bei.news. https://cc-bei.news/quantencomputing-in-der-finanzwirtschaft-grundlagen-potenziale-und-herausforderungen/

Schaefer, B. (2026). (R)Evolution der Kernbankensysteme: Transformationsstrategien der Anbieter in der Schweiz. cc-bei.news. https://cc-bei.news/revolution-der-kernbankensysteme-transformationsstrategien-der-anbieter-in-der-schweiz/

Shipilov, A. (2019). The real business case for quantum computing. INSEAD Knowledge. https://knowledge.insead.edu/strategy/real-business-case-quantum-computing

Shor, P. W. (1994). Algorithms for quantum computation: Discrete logarithms and factoring. In Proceedings 35th Annual Symposium on Foundations of Computer Science (S. 124 bis 134). IEEE. https://doi.org/10.1109/SFCS.1994.365700

Benjamin Schaefer