(R)Evolution der Kernbankensysteme: Transformationsstrategien der Anbieter in der Schweiz

Der vorliegende Beitrag fasst den Artikel „(R)Evolution der Kernbankensysteme: Transformationsstrategien der Anbieter in der Schweiz“ von Tunçer, Popp, Eckert und Zerndt (2025) im Rahmen des Core Banking Radar von Swisscom und dem Business Engineering Institute St. Gallen (BEI) zusammen. Der vollständige Originalartikel ist hier verfügbar.

Die Entwicklung der Bankenplattformen

Die Bankenplattformen in der Schweiz befinden sich in einem Transformationsprozess, der auf veränderte Kundenbedürfnisse, regulatorische Anforderungen und technologische Innovationen reagiert. Kernbankensystem-Anbieter initiieren Transformationsprogramme, um auf Digitalisierung, Wettbewerbsdruck und neue Themen wie Künstliche Intelligenz (KI) und Embedded Banking Services zu reagieren. Historisch starteten Kernbankensysteme als monolithische Lösungen mit Batch-Verarbeitung am Tagesende. Mit der nächsten Generation hielt die Echtzeitverarbeitung Einzug; serviceorientierte Architekturen und N-Tier-Modelle ebneten den Weg für Online-Banking und digitale Prozesse über alle bankfachlichen Bereiche hinweg – mit zunehmender Integrationskomplexität als Begleiterscheinung.

Heute decken Kernbankensystemanbieter alle bankfachlichen Funktionen ab; das Angebot ist von einem reinen Kernbankensystem zu einer durchgängigen Bankenplattform gewachsen. Zu den etablierten Plattformen in der Schweiz zählen Avaloq, Finnova, Finstar, Olympic Banking Systems von ERI, TCS BaNCS und Temenos. Parallel treten Neo-Core-Banking-Anbieter mit Cloud-nativer Architektur und modernem Technologie-Stack in den Markt. Ihr Funktionsumfang ist derzeit noch begrenzt (vorrangig Kontoführung, Zahlungen und Karten), wächst aber stetig. Insgesamt zeigt der Markt eine zunehmende Modularisierung und Öffnung der Systeme.

Abbildung 1: Digitalisierung der Finanzindustrie – Grundlagen der Fintech-Evolution (eigene Darstellung, angelehnt an Alt und Puschmann (2016), S. 161)

Beweggründe und Motivation der Transformation

Aus den Interviews mit ERI (Olympic Banking Systems), Finnova, Finstar und TCS BaNCS lassen sich drei zentrale Treiber der Transformation ableiten.

Veränderungen in der Kundeninteraktion

Kunden erwarten ereignisgetriebenes Handeln, On-Demand-Services und nahtlose Datenverfügbarkeit. Während traditionelle Plattformen primär auf Zahlungsverkehr, Kreditvergabe und Anlageberatung fokussierten, steigt die Nachfrage nach kontextbezogenen und Embedded-Banking-Services (z. B. CO₂-Tracker, digitale Zertifikate, automatisierte Finanzplanung). Zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen Finanz- und Nicht-Finanzbranche; Kernbankensystem-Provider müssen daher verstärkt auf offene Schnittstellen (APIs) und modulare Architekturen setzen.

Daten als strategischer Erfolgsfaktor

Banken stehen vor der Aufgabe, Kundendaten intelligent auszuwerten, um personalisierte und kontextbezogene Dienstleistungen bereitzustellen. Insbesondere Generative KI setzt neue Massstäbe im Datenmanagement, etwa über Conversational SQL.

Technologischer Wandel als Treiber der Transformation

Neue Datenbank- und Cloud-Technologien sowie KI eröffnen Möglichkeiten für ein umfassendes Re-Engineering. KI findet Anwendung in Prozessautomatisierung, personalisierten Empfehlungen und Betrugsprävention. Moderne Ansätze wie API-First, agile Arbeitsmethoden, DevSecOps und Microservices erhöhen Skalierbarkeit und Flexibilität – über Frontoffice, Backoffice und unterstützende Prozesse hinweg.

Aktuelle Strategien der Transformation

Die Transformationsstrategien sind stark von Historie und Kundenstamm der Anbieter geprägt; dennoch lassen sich vier Hauptstrategien erkennen.

(1) Progressive, iterative Transformation

Diesen Weg verfolgen ERI und Finstar. Beide verzichten bewusst auf eine Microservice-basierte Architektur, da der zusätzliche Overhead die potenziellen Vorteile aus ihrer Sicht übersteigt. Für neue Finanzprodukte stellen die Systeme ein flexibles Regelwerk bereit, das Banken die eigenständige Konfiguration ermöglicht. ERI entwickelt inkrementell auf Basis von Kundenanforderungen und setzt auf einen modularen Ansatz: Kunden lizenzieren gezielt benötigte Module, der Core bleibt monolithisch, die Architektur ist serviceorientiert. Finstar treibt eine zunehmende Modularisierung der Plattform voran (aktuell für 15 Kunden im Betrieb) und kombiniert technologische Funktionalität mit Banking-as-a-Service-Diensten. Der Ansatz erlaubt, von internationalen Marktentwicklungen zu lernen, kann aber zu einer verlangsamten Time-to-Market führen.

(2) Modernisierung durch Neuentwicklung einzelner Komponenten

Finnova hat hierfür das Programm finnova.neo aufgesetzt – mit dem Ziel, Banken über Modularität, vereinfachte Integration und Kosteneffizienz auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten und neue Geschäftsmöglichkeiten (Data Streaming für KI-Tools, Embedded Banking) zu erschliessen. Bis 2030 sollen Cloud-native, Microservice-basierte Module auf Public und Private Cloud bereitgestellt werden. Mit Alpha entsteht ein modularer, rollenbasierter Bankmitarbeiterarbeitsplatz für die End-to-End-Abwicklung in Konten, Karten, Zahlen, Anlegen, Vorsorge und Finanzieren. Anfangs höhere Kosten sollen durch langfristige Effizienzgewinne kompensiert werden.

(3) Vollständiger Neubau bzw. Refactoring

Refactoring bezeichnet die Umstellung des Quellcodes ohne Funktionsverlust. Die Kosten einer vollständigen Transformation werden auf 500 Millionen bis eine Milliarde Franken geschätzt – diese Strategie eignet sich vorrangig für international agierende Anbieter wie TCS. TCS gestaltet bestehende Komponenten für Microservice-Architektur und Cloud-native Bereitstellung um; eine Model-Driven-Architecture generiert den Code für CI/CD und ermöglicht ausfallzeitenfreie Updates. TCS BaNCS führt eine Angular-basierte Web-GUI mit RESTful APIs ein, weitet das Extensibility-Framework mit Low-Code-Toolkits aus, helvetisiert die Bankensoftware vollständig (insbesondere Hypothekarmodul und Wertschriftenabwicklung) und stellt parallel auf event-gesteuerte Verarbeitung um.

(4) Kooperation mit einem Neo-Core-Banking-System

Eine weitere Möglichkeit ist die Kooperation mit Neo Cores wie 10x Banking, TUUM, Thought Machine oder Mambu. Sie bieten grundlegende Bankdienstleistungen wie Kontoführung, Karten und Kredite auf Basis moderner Technologien, sind in Bereichen wie Wertschriften-Transaktionen, Positionsführung und Corporate Actions jedoch noch eingeschränkt – für vollumfängliche Operationen einer mittleren oder grösseren Universalbank derzeit nicht alleinstehend einsetzbar.

Abbildung 2: Gegenüberstellung der Transformationsstrategien der Kernbankensystem-Anbieter  

Sechs Thesen zur Transformation der Kernbankensysteme

Angelehnt an die Bausteine für die IT-Architektur der Zukunft führen die Erkenntnisse aus den Interviews zu folgenden sechs Thesen.

These 1: Die Bankenplattform bleibt «headless»

Benutzeroberflächen und Frontends können flexibel an verschiedene Anwendungsfälle angepasst oder durch eigene Frontends ersetzt werden – mit unterschiedlichen Sichten für Endkunden und Service-Mitarbeitende. ERI und Finstar setzen auf Funktionserweiterung der bestehenden Produkte. Finnova und TCS fokussieren auf die Neugestaltung des Bankberater-Arbeitsplatzes mit modularem, Cloud-nativem Ansatz: Finnova bringt 2025 Alpha auf den Markt; TCS BaNCS entwickelt eine entkoppelte, Angular-basierte Web-GUI mit Low-Code-Toolkit und integriert agentenbasierte Systeme zur Reduktion des manuellen Serviceaufwands.

These 2: Service-Orchestrierung über Automatisierung

ERI, Finnova und Finstar konzentrieren sich auf Workflow-Management und Prozessoptimierung; direkte RPA-Schnittstellen sind meist nicht vorgesehen, RPA-Optimierung erfolgt über externe Partner. TCS BaNCS geht weiter und setzt auf Hyperautomation – eine Kombination aus regelbasierter Automatisierung und KI/ML, etwa in der Transaktionsprüfung: Konsistenzprüfung, KI-gestützte Mustererkennung (z. B. Betrug), automatische Korrektur fehlerhafter Angaben und Eskalation komplexer Fälle an den menschlichen Support.

These 3: Datenzugang gewinnt an Bedeutung

Kernbankensystem-Anbieter experimentieren mit NoSQL, Data Streaming und Big-Data-Systemen und investieren in offene Schnittstellen für interne Banking-Services und Embedded Banking. ERI trennt Datenspeicherung und Services und kombiniert relationale mit NoSQL-Datenbanken. Finnova entwickelt Cloud-native Services wie den Event-Bus und BORD (Business Object Read Database) zur Near-Time- und On-Demand-Datenreplikation. Finstar setzt auf relationale Datenbanken plus Data-Warehousing und öffnet sich für FinTechs. TCS BaNCS entkoppelt über Refactoring Komponenten und Daten für den Microservice-Betrieb.

These 4: Der Monolith bleibt mittelfristig bestehen

Während einige Anbieter am Monolithen festhalten, streben andere die Ablösung an. ERI bleibt aufgrund von Stabilität, Kontrolle und Kundennachfrage beim Monolithen und erweitert ihn auf SOA-Basis. Finstar reduziert die Komplexität kontinuierlich im Projekt „Solution Splitting“. Finnova ergänzt den modernisierten Monolithen um neue, komplementäre Microservices. TCS BaNCS hat den grössten Teil der Komponenten bereits per Refactoring auf Microservices angepasst; Banken können zwischen Microservice-Betrieb (OpenShift, native K8s) und Application Server (WLS, WebSphere, JBoss) wählen.

These 5: Der Core als Compliance-Fundament

Bei allen Kernbankensystem-Anbietern stehen Cyber Security, Datenschutz und sicherer Zugang zu Kunden-, Valoren- und Produktstammdaten im Vordergrund. Das FINMA-Rundschreiben 2023/1 betont Cyber-Sicherheit und Datenzugriffsmanagement; EU-Vorgaben wie der Digital Operational Resilience Act (DORA) bringen zusätzliche Anforderungen. Mit dem Core werden weiterhin steuerrelevantes Kundenreporting und Legal Reporting sichergestellt.

These 6: IT-Infrastruktur zwischen Private, Public und Hybrid Cloud

ERI bietet flexible Betreibermodelle von On-Premise über Private Cloud bis Public Cloud (AWS, Azure, IBM Cloud). Finnova setzt auf Partnerschaften mit Cloud-Providern wie AWS und sieht den Übergang von Hybrid- zu Multi-Cloud als wichtig. Finstar betreibt seine Plattform On-Premise und in eigener Private Cloud. TCS verfolgt eine offene Multi-Cloud-Strategie über mehrere Hyperscaler. Trotz unterschiedlicher Ansätze bleibt Flexibilität bei allen Anbietern wichtig, um Kunden die Integration ihrer bevorzugten Provider zu ermöglichen.

Abbildung 3: Gegenüberstellung der Strategien der Kernbankensystem-Anbieter

Fazit

Die Transformation der Kernbankensysteme ist unabdingbar. Während monolithische Systeme durch Stabilität und Funktionsumfang überzeugen, erfordern technologischer Fortschritt, veränderte Kundenbedürfnisse und regulatorische Vorgaben eine Neuausrichtung hin zu flexibleren, skalierbaren und offenen Lösungen. Die untersuchten Strategien – schrittweise Modernisierung, Einführung einzelner neuer Komponenten oder vollständiger Neubau – zeigen, dass es keinen einheitlichen Ansatz gibt. Kernbankensystem-Anbieter wählen individuelle Wege entsprechend ihrer Ziele, Marktanforderungen und Kostenrahmen. Modularität, offene Schnittstellen, KI-Nutzung und Nachhaltigkeit bilden die Basis zukunftsorientierter Bankenplattformen. Die Transformation ist nicht nur eine technische Aufgabe, sondern eine strategische Notwendigkeit; eine klare Vision, gezielte Investitionen und partnerschaftliche Zusammenarbeit werden den Erfolg massgeblich beeinflussen.


Quelle

Tunçer, T., Popp, C., Eckert, C., & Zerndt, T. (2025). (R)Evolution der Kernbankensysteme: Transformationsstrategien der Anbieter in der Schweiz – Core Banking Radar 2025. Swisscom & Business Engineering Institute St. Gallen. https://www.swisscom.ch/de/business/enterprise/themen/banking/core-banking-radar-2025.html

Alt, R., & Puschmann, T. (2016). Digitalisierung der Finanzindustrie. Springer Gabler. https://doi.org/10.1007/978-3-662-50542-7

Business Engineering Institute St. Gallen. (2025). Competence Center 11.1 Future Financial Services.

Benjamin Schaefer